Jumedit auf der Strasse

Wir von Jumedit haben uns viel mit der Frage beschäftigt: Was hält Menschen davon ab, zu spenden. Wir haben recherchiert, uns selbst analysiert sowie mit Freunden und Bekannten gesprochen. Irgendwann hat uns der Wunsch gepackt, all unsere Annahmen zu überprüfen. Dies am besten direkt auf der Strasse. 

Alex und ich sind also rausgegangen und haben Leute angesprochen, ob sie jetzt spenden würden - und vor allem warum bzw. warum nicht?

Auf der Seite Wie Jumedit funktioniert stellen wir 6 Pfeiler vor, auf denen die Jumedit-Idee aufbaut. Sie sollen helfen, genau jene Personen zu erreichen, die zwar das Bedürfnis haben zu helfen, aber es aus unterschiedlichen Gründen nicht tun. Mit der spontanen Strassenumfrage wollten wir uns also auch ein Bild davon machen, ob unsere 6 Pfeiler der Welt da draussen Stand halten.

Hierzu haben wir erst einmal für uns eine Frage-Landkarte entworfen: Was möchten wir von den Leuten eigentlich wissen? Wie bekommen wir sie dazu, uns eine ehrliche Antwort zu geben? 

Dann haben wir noch spontan einen einfachen Jumedit-Flyer entworfen und natürlich etwas Nervennahrung in Form von schweizer Schokolade als Dankeschön für unsere Interview-Partner eingepackt.

An einem wunderschön sonnigen Wochentag haben wir uns dann in Luzern positioniert und uns entschieden einen etwas gewagten - aber durchaus erfolgreichen - Weg zu versuchen, um mit Passanten ins Gespräch zu kommen.

Alex hat spontan Fussgänger angesprochen, ob sie ihm Geld geben würden, damit er sich einen Fahrschein (auf Schweizerdeutsch «es Billet») kaufen könne. Er hat sich dabei weder verkleidet noch sonstwie verstellt. Er war einfach er selbst.

Nachdem die Leute (meistens ablehnend) reagiert hatten, bin ich dazu gekommen und habe sie um ihre ganz ehrliche Antwort gebeten: «Warum haben sie gerade kein Geld gegeben?»

Das war unser Eisbrecher, der bis auf wenige Ausnahmen sehr gut funktioniert hat. Innerhalb weniger Stunden konnten wir so viele aufschlussreiche Gespräche führen, die uns viele Einsichten verschafft haben. 

Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich für die Offenheit der Luzerner bedanken!

Allen Interessierten wollen wir hier eine kleine Zusammenfassung der Informationen geben, die sich ziemlich klar aus den Interviews ergeben haben:

  • Ihr seid ohne Bargeld unterwegs.
  • Es fehlt euch an Vertrauen, wofür das Geld wirklich ausgegeben wird.
  • Es mangelt euch an Zeit.
  • Ihr möchtet die Geschichte der fragenden Person erfahren.
  • Ihr würdet gern lieber ein konkretes Produkt geben als Geld.
  • Ihr fragt euch, ob mit eurer Spende wirklich geholfen ist.
  • Euch fehlt das Vertrauen in (Zitat) «grosse» Hilfsorganisationen.
  • Ihr denkt, ihr könnt jemandem von aussen ansehen, ob er das Geld wirklich nötig hat oder nicht
  • Ihr habt Angst, auf der Strasse euer Portemonnaie hervorzuholen

Einige Gespräche haben uns besonders bewegt. Sie haben uns gezeigt, wie komplex das Thema ist und das sich sehr viele auch wirklich Gedanken um ihre Mitmenschen machen. So hat uns zum Beispiel eine Passantin offen und ehrlich erzählt, dass sie gelegentlich Geld an eine bestimmte Frau auf der Strasse gebe, auch wenn sie sich eigentlich ganz sicher sei, dass es für Drogen ausgegeben wird. 

»Ich gebe ihr trotzdem Geld, weil ich dann hoffe, dass sie wenigstens heute nicht auf den Strich muss. Aber wirklich geholfen ist ihr damit natürlich nicht.«

Ein anderer Gesprächspartner hat sich sehr aufgeregt und uns erzählt, dass er aus persönlicher Erfahrung weiss, wie viel von einer Spende in grossen Organisationen bei der Administration und beim Marketing hängen bleibe. Ihm fehle da ganz klar die Transparenz.

Wiederum eine andere Frau mit zwei Kleinkindern hat uns ganz direkt erzählt: 

»Ich habe in der Corona-Krise meine Arbeit verloren - ich habe zur Zeit selbst grosse Existenzsorgen.«

Auf die Frage hin, ob sie Hilfe von uns annehmen würde, war die Scham um ihre Not aber scheinbar zu gross.

Jemand anderes meinte:

»Er (Alex) sieht anständig aus - da bin ich eher bereit zu helfen. Jetzt wo ich das sage schäme ich mich. Ich kann natürlich nicht wissen, wer wirklich Hilfe braucht.«

Meine für mich wichtigste Botschaft, die ich mitgenommen habe ist, dass die allermeisten, egal welchen Alters, sehr reflektiert mit dem Thema Armut in der Schweiz umgehen. Die Bereitschaft zu helfen ist da und jeder hat sich auf seine Art auch schon mal damit auseinandergesetzt.

Wirklich spenden (auf der Strasse oder an Organisationen) tun aber die wenigsten. 

Genau da möchten wir mit Jumedit ansetzen: Wir möchten euch die Sicherheit geben, die ihr braucht, um das zu tun, was ihr ja eigentlich gern tun möchtet.

 

 Autor:Julia
 Datum:23.10.2020
 Lesezeit:2 min